Flechten: Symbiose aus Pilz und Alge
Flechten sind keine eigenständige Art, sondern eine Lebensgemeinschaft aus zwei oder mehr Partnern. Den Körper bildet ein Pilz, der Mykobiont. In ihn eingebettet leben mikroskopisch kleine Grünalgen oder Cyanobakterien, der Photobiont. Aus dieser engen Partnerschaft entsteht ein neuer Organismus mit eigener Gestalt, der weder reiner Pilz noch reine Alge ist.
Die Aufgabenteilung ist klar: Der Pilz bildet das stützende Geflecht, hält Wasser fest und schützt die empfindlichen Algen vor zu starker Sonne und Austrocknung. Die Algen oder Cyanobakterien betreiben Photosynthese und liefern dafür Zucker als Nahrung. Cyanobakterien können zusätzlich Luftstickstoff binden und so den Standort mit Nährstoffen versorgen.
Diese Symbiose ist erfolgreich. Weltweit sind rund 25.000 Flechtenarten beschrieben. Benannt werden sie nach ihrem Pilzpartner, denn dieser bestimmt die Art. Systematisch zählen die meisten Flechtenpilze zu den Schlauchpilzen (Ascomyceten).
Lange galt die Beziehung als reine Zweier-Partnerschaft. Neuere Forschung zeigt, dass oft auch Hefen und Bakterien beteiligt sind – die Flechte ist also eher ein kleines Ökosystem. Die wissenschaftliche Disziplin, die sich damit befasst, ist die Lichenologie.
Aufbau einer Flechte: der Thallus
Der Körper einer Flechte heißt Thallus. Bei vielen Arten ist er im Querschnitt in Schichten gegliedert, die die Aufgabenteilung sichtbar machen.
Ganz außen liegt die Rinde, ein dichtes Pilzgeflecht, das wie eine schützende Haut wirkt. Darunter folgt die Algenschicht, in der die Photobionten dicht gepackt sitzen und Photosynthese betreiben – sie liegen nah an der Oberfläche, weil sie Licht brauchen. Darunter liegt das lockere Mark aus Pilzfäden, das für Festigkeit und Wasserspeicherung sorgt. Viele Arten haften mit Haftfäden oder einer Unterrinde am Untergrund.
Dieser geschichtete Aufbau erklärt, warum eine Flechte so widerstandsfähig ist: Die Algen sind nach allen Seiten vom Pilz umgeben und dadurch gut geschützt.
Dass eine Flechte aus zwei Organismen besteht, wurde erst 1867 vom Schweizer Botaniker Simon Schwendener erkannt. Bis dahin hielt man Flechten für einfache Pflanzen. Diese Erkenntnis – die sogenannte Doppelnatur – war zunächst umstritten und gilt heute als ein Grundpfeiler des Verständnisses dieser Lebensform.
Die drei Wuchsformen
Flechten lassen sich nach ihrer Wuchsform in drei große Gruppen einteilen. Die Form verrät oft schon viel über Lebensweise und Standort.
Krustenflechten
Krustenflechten wachsen flach und fest mit dem Untergrund verbunden, fast wie ein aufgemalter Belag auf Stein, Rinde oder Mauer. Sie lassen sich nicht ablösen, ohne den Untergrund zu beschädigen. Viele der bunten Flecken auf alten Mauern und Felsen gehören hierher, etwa Arten der Gattung Lecanora. Krustenflechten sind die häufigste und langlebigste Gruppe.

Blattflechten
Blattflechten bilden flache, blattartige Lappen, die nur teilweise am Untergrund haften und sich an den Rändern abheben lassen. Sie haben eine klar erkennbare Ober- und Unterseite. Ein bekanntes Beispiel ist die Hundsflechte (Peltigera), die auf Waldböden und Moos wächst und mit Cyanobakterien Stickstoff binden kann.

Strauchflechten
Strauchflechten wachsen aufrecht oder hängend und sind oft reich verzweigt, fast wie ein kleiner Busch oder Bart. Hierzu gehört das Isländische Moos (Cetraria islandica), das trotz seines Namens eine Flechte ist. Auch die hängenden Bartflechten an Bäumen zählen dazu. Strauchflechten reagieren besonders empfindlich auf Luftverschmutzung.

Die Übergänge zwischen den Formen sind fließend, und manche Arten lassen sich nicht eindeutig zuordnen. Für die schnelle Ansprache im Gelände ist die Einteilung in Krusten-, Blatt- und Strauchflechte aber ein praktischer erster Schritt.
Überlebenskünstler an extremen Standorten
Flechten besiedeln Orte, an denen kaum etwas anderes wächst: nackten Fels, Wüstenkrusten, die Tundra und Gipfelregionen der Hochgebirge. Möglich macht das eine besondere Fähigkeit – die Trockenstarre.
Flechten können den Wassergehalt ihres Körpers nicht selbst regeln. Bei Trockenheit verlieren sie fast ihr gesamtes Wasser und stellen den Stoffwechsel ein. In diesem Zustand überstehen sie Hitze, Frost und monatelange Dürre, ohne Schaden zu nehmen. Sobald Tau, Nebel oder Regen sie wieder befeuchten, nehmen sie binnen Minuten den Stoffwechsel auf. Diese Wechselfeuchtigkeit ist der Schlüssel zu ihrer Zähigkeit.
Der Preis dafür ist hoch. Flechten wachsen extrem langsam, viele Krustenflechten legen pro Jahr nur Bruchteile eines Millimeters bis wenige Millimeter zu. Manche Bestände sind dadurch hunderte, einzelne sogar tausende Jahre alt – Flechten gehören zu den langlebigsten Organismen überhaupt.
Diese Genügsamkeit hat auch eine Kehrseite: Wo Flechten einmal verschwunden sind, dauert die Wiederbesiedlung sehr lange. Das macht sie zu empfindlichen Anzeigern für Veränderungen in der Umwelt.
Flechten als Bioindikatoren
Weil Flechten Wasser und Nährstoffe direkt aus der Luft aufnehmen, nehmen sie auch Schadstoffe ungefiltert auf. Sie haben keine Wurzeln und keine schützende Wachsschicht, die abweisen könnte. Dadurch reagieren sie sehr empfindlich auf Luftverschmutzung und eignen sich als lebende Messfühler – als Bioindikatoren.
Besonders empfindlich sind viele Arten gegenüber Schwefeldioxid. In den Zeiten starker Luftbelastung verschwanden Strauch- und Blattflechten weitgehend aus Innenstädten und Industriegebieten; übrig blieben nur wenige widerstandsfähige Krustenflechten. Dieses Phänomen wurde als „Flechtenwüste“ der Städte bekannt. Mit sauberer Luft sind viele Arten inzwischen zurückgekehrt.

Heute steht ein anderes Problem im Vordergrund: zu viel Stickstoff aus Landwirtschaft und Verkehr. Er begünstigt stickstoffliebende, oft gelbliche Arten und verdrängt empfindliche Spezialisten. Aus der Artenzusammensetzung an einem Standort lässt sich daher die Luftqualität ablesen.
Genau das nutzt die Flechtenkartierung. Fachleute erfassen, welche Arten an Bäumen oder Gestein vorkommen, und leiten daraus die Belastung ab. Solche Kartierungen sind ein kostengünstiges, langfristig vergleichbares Verfahren zur Umweltüberwachung – ein praktischer Nutzen, der weit über die Botanik hinausreicht.
Bekannte Flechtenarten im Überblick
Einige Arten begegnen einem im Alltag immer wieder und eignen sich gut als Einstieg:
- *Isländisches Moos (Cetraria islandica)* – eine Strauchflechte der Heiden und Bergregionen, traditionell als Heilpflanze genutzt. Details auf der Seite zum Isländischen Moos.
- *Landkartenflechte (Rhizocarpon geographicum)* – leuchtend gelbgrüne Krustenflechte auf Silikatgestein im Gebirge, an ihrem netzartigen Muster erkennbar.
- *Hundsflechte (Peltigera)* – eine Blattflechte feuchter, moosiger Böden, die mit Cyanobakterien Stickstoff bindet.

Wer tiefer einsteigen möchte, findet auf der Übersichtsseite zur Lichenologie weitere Arten und die Grundlagen der Bestimmung. Übrigens hat die Hautflechte des Menschen mit echten Flechten nichts zu tun – sie ist eine Pilzerkrankung der Haut.
Häufige Fragen zu Flechten
Sind Flechten Pflanzen?
Nein. Flechten sind eine Symbiose aus einem Pilz und einer Alge oder einem Cyanobakterium. Pflanzen sind sie nicht, auch wenn sie oft wie kleine Gewächse aussehen.
Sind Flechten Pilz oder Alge?
Beides zusammen. Der Pilz bildet den Körper, die Alge liefert über Photosynthese Nahrung. Benannt wird die Flechte nach dem Pilzpartner.
Wie schnell wachsen Flechten?
Sehr langsam – je nach Art nur Bruchteile eines Millimeters bis wenige Millimeter pro Jahr. Manche Bestände werden viele hundert Jahre alt.
Sind Flechten schädlich für Bäume?
Nein. Flechten nutzen die Rinde nur als Sitzplatz und entziehen dem Baum nichts. Sie sind keine Schädlinge, sondern oft ein Zeichen für saubere Luft.
Quellen und weiterführende Literatur:
- Wikipedia – Flechte (Biologie, Aufbau und Wuchsformen)
- NABU – Flechten: Wenn der Pilz mit der Alge (Bioindikation und Schutz)
- NABU – Gelbflechte (Artenporträt, Bestand in Deutschland)